Befestigungen

Unter dieser Rubrik werden Ihnen einige der Befestigungen in Baden-Württemberg vorgestellt, die als Vorläufer oder Nachfolger der von 1935 bis 1945 entstandenen Westbefestigungen die Entwicklung der Festungsgeschichte in Baden-Württemberg beeinflußt haben.

Wer der erste Befestigungserbauer der Geschichte in Baden-Württemberg war, dürfte sich im Dunkel der Frühzeit verbergen. Jedenfalls zogen sich um 4000 vor der Zeiten-wende (v. d. Z.) Menschen in geschützte Siedlungen in schwer zugänglichem Gelände zurück – zum Beispiel in Gewässer, in denen Pfahlbauten errichtet wurden. Dazu boten sich vor allem der Bodensee und der Federsee in Oberschwaben an. Ihnen folgten zwischen 3800 und 3500 v. d. Z. die  ringovalen Erdwerke der Michelsberger Kultur, u. a. im mittleren Neckarraum. Um 2000 v. d. Z. begann in Süddeutschland die Bronzezeit, in der zahlreiche befestigte Höhensiedlungen enstanden. So wurde bereits in dieser Zeit der Bergrücken der Heuneburg bei Hundersingen mit einer Holzkasten-mauer befestigt, die den Ausmaßen der späteren keltischen Befestigung entsprach. Die Kelten sind ab etwa 1000 v. d. Z. in Süddeutschland fassbar. Sie verbesserten die Befestigungen der Heuneburg und hinterließen in Creglingen-Finsterlohr eines der größten Oppida in Deutschland. Mit der römischen Expansion nördlich der Alpen ab 15 v. d. Z. ging die Keltenzeit zu Ende. Die bekannteste römische Befestigung ist der Limes, der inzwischen in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen wurde. Er gab 1938 dem Limesbauprogramm des Westwalls seinen Namen. Durch die alamannische Landnahme im Jahr 260 nach der Zeitenwende (n. d. Z.) wurden die Römer aus dem Land getrieben. Von den Alamannen wurden neben anderen der „Runde Berg“ bei Urach als Höhenburg befestigt. Das blutige Massaker der Franken an der alamannischen Oberschicht in Cannstatt im Jahr 746 n. d. Z. beendete die Vormachtstellung der Alamannen und ebnete dem Christentum den Weg.

916 n. d. Z. wurde das Herzogtum Schwaben gegründet, in dem die Burgen der Welfen, Zähringer und Staufer eine wichtige Rolle spielten. Nach dem Zweiten Städte-krieg (1448 – 1454) baute die schwäbische Vormacht Württemberg ein regelrechtes Netz von Festungen, den sogenannten Landesfestungen. Zu ihnen gehörten Hohen-asperg, Hohenneuffen, Hohenurach, Hohentübingen und Hohentwiel. Im Bauernkrieg 1525 gingen zahlreiche Burgen in Flammen auf. Die Entscheidung des Krieges fand in Süddeutschland jedoch vor den Städten Böblingen und Königshofen statt. Die Träume der Bauern wurden dabei im Blut erstickt. Nachdem der Dreißigjährige Krieg zu einem europäischen Krieg geworden war, in dem wieder Burgen, Städte und Festungen in Flammen aufgingen, zeichnete sich ein neuer Konflikt ab: Der Kampf um die europäische Vorherrschaft zwischen den Königshäusern Bourbon und Habsburg. Der Drang Frankreichs nach Osten brachte einen Festungsbauer hervor, der die Entwicklung der Festungen über Jahrhunderte beeinflussen sollte: Der französische Marschall Vauban. Auf der rechten Rheinseite wurden durch ihn Breisach und Freiburg als Festungen ausgebaut, Kehl wurde nach seinen Plänen durch Tarade befestigt. Phillipsburg hingegen spürte die Belagerungskunst des Festungsbaumeisters. Hüningen als heute geschleifte Festung, Neu-Breisach als sternförmige Idealfestung, Straßburg, Fort Louis und Landau künden auf dem linken Rheinufer von ihm. Als Reaktion auf die französischen Einfälle wurden von 1703 bis 1707 zwei Ost-West-Riegel im Rheintal bei Stollhofen und Ettlingen sowie die Schwarzwaldlinien zwischen Neuenbürg und Hornberg errichtet. Ihre Erdwerke sind noch heute sichtbar und wurden beim Bau des Westwalls und der LVZ West teilweise durch die modernen Befestigungen überlagert. Die Koalitionskriege und daran anschließend die Napoleonischen Kriege brachten der Zivilbevölkerung in und um die Festungsstädte viel Leid.

Nach Beendigung dieser Kriege faßte der neugegründete Deutsche Bund den Entschluß, seine Grenzen durch Festungen zu sichern. Rechts des Rheins entstanden in Süddeutschland daraufhin drei Bundesfestungen: Germersheim als doppelter Brücken-kopf links und rechts des Rheins, Rastatt als Grenzfestung sowie Ulm als große Festung im Hinterland zur Sicherung der Wege vom Rhein zur Donau. Freudenstadt schied in der Planungsphase als Standort aus. Eines zeichnete sich mit dieser Befesti-gungsgeneration ab: Um die Hauptfestung vor Beschießungen besser zu schützen, wurden abgesetzte Befestigungen auf vorgelagerten Geländepunkten errichtet. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 standen sowohl Frankreich als auch Deutschland vor der Aufgabe, ihre Grenzen neu zu befestigen. Straßburg und Metz wurden zunächst nach herkömmlichem Muster ausgebaut. Danach wurden jedoch neue Wege eingeschlagen. Die Auflösung der Befestigungen wurde weiter verfeinert. So entstanden rund um Metz als 2. Befestigungsgürtel, bei Mutzig im Elsaß und bei Istein mit den „Festen“ die damals modernsten Befestigungen.

Für den Bereich Oberrhein wurde auf deutscher Seite das Konzept ausgearbeitet, im Kriegsfall Teile des südlichen Elsaß aufzugeben. Ein Gegner, der durch die Burgundische Pforte in das Elsaß eindringen würde oder über die Vogesenpässe in das Rheintal vorrücken würde, sollte erst auf Höhe von Straßburg gestoppt werden. Der Rhein zwischen Lörrach und Basel stellte die Frontlinie dieses Konzeptes dar. Um die fortifikatorischen Voraussetzungen  zur Verteidigung der Rheinfront zu schaffen, wurden vor und während dem I. Weltkrieg die nachfolgend genannten Befestigungen neu gebaut oder ausgebaut: Acht Brückenköpfe (alle linksrheinisch), zwei Festen (Istein rechtsrheinisch, Kaiser Wilhelm II bei Mutzig linksrheinisch), die Befestigungen bei Neu-Breisach (linksrheinisch), die Festung Straßbug (links- und rechtsrheinisch) sowie die Breuschstellung (Verbindung Straßburg - Mutzig, linksrheinisch)

Zur Sicherung der Festung Straßburg nach Osten wurden im Abschnitt Straßburg-Ost als erste große Befestigungen bei Kehl drei Forts (Kirchbach bei Sundheim, Bose bei Neumühl, Blumenthal bei Auenheim, Bauzeit 1874 – 1878) gebaut. Ihnen folgten zwei Infanteriestützpunkte (Marlen und Kinzig, Bauzeit 1911 – 1913) sowie ab August 1914 als Armierungsbauten 9 Infanterieräume, 32 Postenstände, 9 Artillerieräume, 6 Munitionsräume, 4 Artilleriestellungen und 1 Unterstand für einen Scheinwerfer. Nach dem I. Weltkrieg wurden die Befestigungen im Ost-Abschnitt zunächst nicht wie die anderen deutschen Befestigungen innerhalb der 50 km-Zone rechts des Rheins geschleift (Festsetzungen von Versailles 1919). Sie wurden vielmehr von den französischen Streitkräften, die den „Brückenkopf Kehl“ besetzt hielten, genutzt. Teile von ihnen wurden erst 1930 kurz vor der Räumung des Brückenkopfes von den französischen Streitkräfte geschleift. Dabei verschwand das Fort Bose komplett von der Landkarte. Beim Westwallbau wurden in und an den Forts Kirchbach und Blumenthal Bunker errichtet. Einige der gesprengten Armierungsbauten wurden durch Bauwerke des Westwalls überbaut.

Als südlicher Eckpfeiler der Oberrheinbefestigungen wurde auf dem Isteiner Klotz von 1902 bis 1905 eine Feste gebaut. Sie bestand aus drei Panzerbatterien zu je zwei 10 cm Kanonen, einem Infanteriewerk sowie Beobachtungsständen und Nahverteidigungs-anlagen. Die Batterien und das Infanteriewerk waren unterirdisch miteinander ver-bunden. Die Feste, die 1914 in die Kämpfe um Mühlhausen eingriff, wurde während des I. Weltkriegs durch Armierungsbauten und einen Brückenkopf (s. o.) auf dem linken Rheinufer weiter ausgebaut. 1920/21 wurde sie geschleift. Im Bereich der Feste wurde beim Bau des Westwalls die größte Hohlgangsanlage Süddeutschlands gebaut, an die MG-Kampfstände und ein Bebobachter in Ausbaustärke A angehängt wurden.

Von den Armierungsbauten der kaiserlichen Befestigungen am Oberrhein sowie den von 1901 bis 1911 gebauten Befestigungen der Reichsfestung Ulm bis zu den Regelbauten der Westbefestigungen war es nun kein weiter Weg mehr. Die von 1935 bis 1945 enstandenen Westbefestigungen werden Ihnen in getrennten Kapiteln vorgestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Baden-Württemberg während des Kalten Krieges ebenfalls Bunker gebaut. Sie dienten als Gefechtsstände, Depots, Raketenstellungen und Unterstände.

Von der Bundeswehr wurde u. a. eine unterirdische Fabrik in einem Bergwerk zu einem großen Depot ausgebaut.  Bei Rottenburg am Neckar entstand unter Federführung des zivilen Luftschutzes die unterirdische Luftwarnzentrale für Baden-Württemberg.

Die Französischen Streitkräfte (Forces Francaises d`Allemagne, FFA) bauten u. a. eine Hohlgangsanlage des Westwalls zu ihrem Gefechtsstand aus. Die Ausbau-maßnahmen umfaßten die Be- und Entlüftung, drucksichere Türen, Fernemeldeein-richtungen und die Stromversorgung. 

Die Kanadische Streitkräfte bauten in ihrem Stationierungsgebiet in Baden die Flugplätze Lahr (seit 1913 genutzt) und Söllingen aus. Beide Flugplätze waren zuvor von der französischen Luftwaffe genutzt worden. Zum Schutz der dort eingesetzten Flugzeuge wurden  halbrunde Unterstände (Shelter) und zum Personenschutz röhrenförmige Luftschutzbunker errichtet. Für den Bau der Flugplätze wurde ein großes Waldgebiet, an dessen Rand sich zahlreiche Westwallbunker befanden, abgeholzt, ein Dorf umgesiedelt und Bundesstraßen verlegt. 1994 wurden die kanadischen Streitkräfte aus Baden abgezogen.

Die US-Streitkräfte achteten bereits bei der Einteilung der Besatzungszonen darauf, die Ost-West-Achse der Autobahn A 8 zu kontrollieren. So ist es nicht verwunderlich, daß sich im Sichtbereich der A 8 bei Pforzheim, einem der Schwerpunkte der LVZ West, eine US-Flugabwehr-Raketenstellung befindet. Vor allem auf der Schwäbischen Alb wurden Depots und Raketensilos für Marschflugkörper errichtet. Eines der Depots machte auf sich aufmerksam, als bei einem Erdrutsch Unterstände beschädigt wurden. Richtig in die Schlagzeilen kamen allerdings die Standorte der Marschflug-körper: In den 80er Jahren waren sie das Ziel der Friedensbewegung.

Mit dem Ende des Kalten Krieges setzten auch bei diesen Befestigungen umfangreiche Räumarbeiten ein. Viele Depots sind heute aufgelassen oder einer zivilen Nutzung zugeführt worden. Sie stellen den derzeitigen Schlußpunkt einer Befestigungsgeschichte des süddeutschen Raumes dar, in dem die Westbefestigungen der Neckar-Enz-Stellung, des Westwalls und der LVZ West genauso eingebettet sind wie die württembergischen Landesfestungen oder die keltischen Höhenbefestigungen. Wie jede andere Befestigungsanlage auch waren ihre Entstehung und Errichtung, ihr Kampf und ihre Beseitigung eingebettet in politische und technische Gegebenheiten, die für den Einzelnen nicht beeinflußbar waren.